Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON Montag, 22.05.2000 Nr.118 32

Schnönklang und Humor

Das elfte Schaffhauser Jazzfestival

Im ersten Festivalbericht (vgl. NZZ vom 19.5.00) haben wir auf die Schwermut hingewiesen, welche vielen der frankophonen Jazzern gemein ist. Am Abschlussabend des reichhaltigen und kontrastreichen Spektakels ist noch etwas anderes aufgefallen. Der Genfer Pianist Patrick Muller ist zweifellos ein sensibler Musiker. Beinahe etwas selbstverliebt hört er seinen Tönen nach, erfindet im Rahmen von lose definierten Strukturen neue Variationen, lässt sich und der oft im Rubato gehaltenen Musik enorm viel Zeit, scheint zu suchen und unablässig auf dem Weg zu sein. Bei diesen Introspektionen - und bei wenigen erdigeren Episoden - lässt er sich einf¨¹hlsam vom bestandenen Kontrabassisten Bänz Oester und vom hochbegabten Newcomer Samuel Rohrer am Schlagzeug begleiten. Diese Art des Musizierens birgt eine grosse Gefahr. Wenn bei diesem öffentlichen Selbstfindungsprozess die Inspiration fehlt, verkommt die Improvisation zum Geplätscher, wird die Musik zahn- und spannungslos. Wie oft beim Auftritt Mullers in Schaffhausen.

In Schönheit erstarren - das ist auch die Gefahr bei der (vom Pianisten Jean-Christophe Cholet) wunderbar gesetzten Musik des Melomanen Claudio Pontiggia, dessen hochkarätig besetztes Sextett «Espoir» vom Schönklang lebt. Pontiggia ist einer der ganz wenigen Musiker, die auf dem heiklen Horn Jazz blasen können. Mit dem grossartigen Saxophonisten Andy Scherrer und dem wendigen Elektrovibraphonisten Frank Tortiller stehen ihm denn auch zwei Frontline-Partner zur Seite, welche diese Klangvision wirkungsvoll realisieren. Das ist alles raffiniert geplant, perfekt verpackt und umgesetzt, aber letztlich ¨¹ber weite Strecken langweilig.

All dies kann man von der Musik des jungen Saxophonisten Jan Brönnimann nicht behaupten. Mit seinem Quartett Brink Man Ship macht Brönnimann eine aktuelle Musik, voller Anspielungen und neuer elektronischer Dance-Musik- Welten, voller Humor und Vitalität. Dabei wirken die auf hypnotischen Ostinati basierenden St¨¹cke nie kommerziell-anbiedernd, sondern spannend, doppelbödig und eigenständig. Brönnimann selbst hat sich auch als Saxophonsolist weiterentwickelt und gehört mit Sicherheit zur rasch aufsteigenden Spitzenklasse der neuen Schweizer Jazzergeneration.

Besonders spannend war eine Performance, die jeden Tag mehrmals um Richard Longs Einrichtung «Lighting Fire Wood Circle» in den Hallen f¨¹r neue Kunst stattgefunden hat. Dabei liess der einfallsreiche Klangt¨¹ftler Andres Bosshard die Klänge der Flötistin und Sängerin Franziska Baumann und der Bratschistin Charlotte Hug im Raum kreisen, f¨¹gte aus seinem geheimnisvollen elektronischen Klanglabor Sounds bei, verfremdete und verarbeitete den Input, der von den mobilen Mikrophonen zu seinen Empfängern drang. Die Performance «Playground of the Goddesses» erf¨¹llte alle Sinne und ging unter die Haut. Hier endlich erfuhr man die Lust am Experiment, die Freude am Forschen - und damit wichtige Elemente des zeitgenössischen Musikschaffens, die man hier dieses Jahr sonst etwas vermisste.

Nick Liebmann