Weltwoche, Ausgabe Nr. 20/00, 19.5.2000

Jazz plus

Our Ship

Von Peter Rüedi

Entfaltet einen coolen melodiösen Sehnsuchts-Überhang: Jan Brönnimann

Duke Ellington, gewiss eine der Lichtgestalten dieser Musik, wollte kein «Jazzmusiker» sein; das «four-letter word» war ihm zu vage, und er roch daran den Fango des Trivialen, den der Mainstream immer auch mitgewälzt hatte. In den Fünfzigern wurde der zum «Third Stream» geklärt, jener gelegentlich etwas überangestrengten, eben heute wieder aktuellen Zwittermusik zwischen E und U, Komposition und Improvisation. Da kam keiner mehr auf den Gedanken, das «Jazz» zu nennen. Dann verachteten die politischen Agitatoren zwischen Bürgerrechtsbewegung und Black Panthers Black Power und Black Muslims «Jazz» als ein weisses Reizwort, das ein halbes Jahrhundert künstlerische Ausbeutung provozierte. Sie sprachen von «great black music».

Jetzt drucksen junge Jazzer verschämt herum, wenn sie ankündigen, was sie treiben: «das konzept der band geht zurück auf die gute alte kollektivimprovisation, doch die idee wird neu definiert, indem nicht mehr jazzige melodien im vordergrund stehen, sondern das zusammenfliessen und entstehen von sounds and loops und neuen grooves, ein musikalisches stilmittel, das oft von djs angewendet wird.» Dabei geht es beim Berner Saxofonisten Jan Brönnimann und bei seiner Gruppe Brink Man Ship zum Glück durchaus auch um «jazzige Melodien», einfach um Melodien, meinetwegen: DJ- und Dancefloor-Scene, der Jazz hat immer schon die Odeurs aus angrenzenden Küchen angenommen.

Richtig ist, dass diese Band gleich in ihrem Opus 1 eine eigene Sprache, ein eigenes Gleichgewicht gefunden hat. Würden sie's nicht als Schmähung missverstehen: Brönnimann, der Gitarrist René Reimann, der Bassist Emanuel Schnyder und der Drummer Christoph Staudenmann gelingt eine geradezu klassische, emotional allerdings subtil aufgeladene Abgeklärtheit. Unten gehen die beiden Rhythmiker zur Sache, «heavy», aber nie martialisch, oben entfaltet Brönnimann einen cool-melodiösen Sehnsuchtsüberhang, dazwischen «setzt René Reimann die Akzente», wie man so sagt, aber für einmal sei die Hülse gestattet: Reimann ist die zweite Melodiestimme, er reisst mit schrägen Einwürfen die Räume auf und den Gang der Ereignisse herum. Überhaupt gelingt den vier Schweizern eine Raumkunst, die organisiert ist und offen (nicht zu unterscheiden, was Absprache ist, was spontanes Ereignis – das ist eine Qualität). Gescheite und schöne Eigenkompositionen (was nicht immer identisch ist), sechs von Brönnimann und eine von Staudenmann. Brink Man Ship kommt ohne Schweizer Heimatbonus aus.

Den braucht das klug dimensionierte Festival insgesamt nicht, wo die vier am 20. Mai auftreten: in Schaffhausen, wo die Besucher um die Wahrnehmung der Propheten im eigenen Land gar nicht herumkommen, da vom 18. bis 20. nur solche vorgestellt werden.


Jan Brönnimann & Brink Man Ship: Logbook. Brambus 199923-2